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3. Vorgehensmodelle III – Das passende Modell wählen

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Nach diesem Kapitel kannst du:

  • eine Projektsituation anhand der sechs Kriterien der Auswahltabelle analysieren und grob einordnen.
  • ein passendes Vorgehen oder eine Mischform begründet auswählen und die Wahl gegen Alternativen verteidigen.
  • die drei häufigsten Fehlschlüsse über Vorgehensmodelle erkennen und widerlegen.
  • die Sicht der Softwareentwicklung (SEW) auf Vorgehensmodelle von der Projektmanagement-Sicht (ITP) abgrenzen.

In den beiden vorigen Kapiteln hast du die phasenorientierten Modelle (die am Vorabend festgelegte Route) und die iterativen und agilen Modelle (das Navi, das laufend neu plant) kennengelernt. Jetzt geht es um die eigentliche Kompetenz: für eine konkrete Projektsituation begründet zu entscheiden, welches Vorgehen passt.

Damit zur eigentlichen Kompetenz. Kein Modell ist immer richtig, die Wahl folgt der Projektsituation:

KriteriumSpricht für phasenorientiertSpricht für agil
Anforderungenfrüh vollständig bekannt und stabilunklar, im Fluss, entstehen erst im Gebrauch
Auftraggebernur zu Beginn und zur Abnahme verfügbarlaufend verfügbar und entscheidungsfähig
Technologiebekannt und erprobtneu, Risiken müssen früh erprobt werden
Teamgroß, verteilt, wechselndklein, stabil, selbstorganisiert
RahmenVertrag mit fixem LeistungsumfangBudget- oder Zeitrahmen mit flexiblem Umfang
Fehlerfolgensicherheitskritisch, Zulassung nötigwirtschaftlich, korrigierbar

Zwei dieser Kriterien als Achsen genügen schon, um Projekte grob einzuordnen. Die Ampelsteuerung aus der Denkaufgabe unten und die Diplomarbeit aus dem nächsten Absatz landen in gegenüberliegenden Ecken:

quadrantChart
  title Zwei der sechs Kriterien
  x-axis Anforderungen stabil --> Anforderungen im Fluss
  y-axis Fehler korrigierbar --> sicherheitskritisch
  quadrant-1 Mischform
  quadrant-2 V-Modell
  quadrant-3 beides möglich
  quadrant-4 agil
  Ampelsteuerung: [0.15, 0.85]
  Diplomarbeit Lager-App: [0.8, 0.2]

Die Ecke allein entscheidet nicht. Sie zeigt nur, wohin die Abwägung tendiert, bevor die übrigen vier Kriterien dazukommen.

Eine Diplomarbeit mit externem Auftraggeber: Die Anforderungen sind anfangs grob („eine App für die Lagerverwaltung”), der Auftraggeber ist über das Schuljahr hinweg erreichbar, das Team ist klein und stabil. Ein Teil der Technologie ist neu, und Fehler sind wirtschaftlich korrigierbar.

Fünf Kriterien sprechen damit für agiles Vorgehen, nur der eingereichte Projektantrag wirkt wie ein fixer Leistungsumfang. Die begründete Antwort ist deshalb keine Reinform: in kurzen Zyklen iterativ-inkrementell arbeiten, den vereinbarten Rahmen als Grenze behandeln und jede Abweichung davon schriftlich mit dem Auftraggeber abstimmen.

In der Praxis sind die meisten Projekte Mischformen: agile Umsetzung innerhalb eines vertraglich fixierten Rahmens oder ein phasenorientierter Gesamtplan mit iterativen Abschnitten. Wichtiger als die reine Lehre ist die Frage, ob die gewählten Elemente zusammenpassen. Zweiwöchige Sprints ohne verfügbaren Product Owner ergeben Sprint Reviews ohne Publikum, und dann ist der Sprint nur ein Kalendereintrag. Wie eine begründete Mischform für Schulprojekte aussieht, zeigt Kapitel 06 im Abschnitt „Scrum light + Kanban“.

Auflösung

Ein phasenorientiertes Vorgehen, sinnvollerweise das V-Modell. Die Anforderungen stehen durch die Verordnung früh und stabil fest, und die Fehlerfolgen sind sicherheitskritisch mit verpflichtender Abnahme. Das V-Modell liefert zusätzlich zu jeder Entwurfsstufe den passenden Prüfmaßstab. Ein agiles Vorgehen wäre hier keine Stärke, weil es kaum etwas gibt, das sich durch frühe Rückmeldung noch ändern sollte.

Vorgehensmodelle kommen auch im Projektmanagement vor, dort mit anderem Blickwinkel. Grob gilt: Das Projektmanagement betrachtet Projekte (Ziele, Termine, Ressourcen, Risiken, Stakeholder, Wirtschaftlichkeit). Die Softwareentwicklung betrachtet den Entwicklungsprozess (von den Anforderungen bis zur lauffähigen Software, Qualitätssicherung, technische Entscheidungen).

flowchart LR
  ITP["ITP: Ziele, Termine, Kosten, Risiken"] --> P["Jahresprojekt und Diplomarbeit"]
  SEW["SEW: Anforderungen, Entwurf, Code, Test"] --> P

Beide Sichten treffen sich im selben Projekt, und beide brauchst du in der Diplomarbeit. Widersprechen sich die Darstellungen, frag nach: Unterschiedliche Fachtraditionen verwenden dieselben Wörter verschieden, und das zu bemerken gehört zur Kompetenz.

Die Quellen zu den einzelnen Modellen stehen in den Zusatzmaterialien von Kapitel 01 (Wasserfall, V-Modell) und Kapitel 02 (Agiles Manifest, Scrum, Kanban).

Diesen Text kannst du dir kostenlos mit der Vorlesefunktion deines Browsers oder Betriebssystems vorlesen lassen, z. B. in Microsoft Edge über „Laut vorlesen”.

Lernergebnisse: Was du nach diesem Kapitel können solltest

Abschnitt betitelt „Lernergebnisse: Was du nach diesem Kapitel können solltest“
  • Analysieren: eine Projektsituation anhand der sechs Kriterien der Auswahltabelle analysieren und grob einordnen.
  • Beurteilen: ein passendes Vorgehen oder eine Mischform begründet auswählen und die Wahl gegen Alternativen verteidigen.
  • Erklären: die drei häufigsten Fehlschlüsse über Vorgehensmodelle erkennen und widerlegen.
  • Erklären: die Sicht der Softwareentwicklung (SEW) auf Vorgehensmodelle von der Projektmanagement-Sicht (ITP) abgrenzen.
  • Aufgabe 01 - Modell-Matrix

GAM

CC-BY-SA

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